Mit HausnotRuf gegen Eisamkeit u. soziale Isolation // Historie von HausnotRuf und Pflegeversicherung

 

Der Hausnot-Ruf oder Medical-alarm (angelsächsische Bezeichnung) schlägt mit seinem Kommunikationssystem und seiner allgemeinen sozialen Lotsenfunktion zusätzlich familiäre Brücken, und dieses auch über weite Instanzen hinweg.

Er ist eine adäquate Antwort und Reaktion auf inzwischen, global und geo-graphisch verstreut und meist in Kleinstform lebender Mitglieder eines früher großen Familienverbandes…    

 Danach wurden die Probanten  während des Forschungsprojektes 1978-1983 u.a. ausgewählt. Sie kamen aus  unmittelbarer Nähe aus und um  Wilhelmshaven, aber auch  aus Ausgsburg, Münster, aus ländlichen Regionen, wie Flettmar bei Celle, oder Horumersiel  und der Nordsee-Insel Spiekeroog.   Ferner waren Probanden aus Schottland  und  England  angeschlossen.      

Der Hausnot-Ruf  (1) oder Medical-Alarm (2) wurde anfangs der 1970er Jahre an einem Krankenhaus in Wilhelmshaven von mir als dessen Krankenhausdirektor mit dem Ziel konzipiert, sinnvoll vernetzte, ambulante und stationäre pflegerische Betreu-ungs- und Versorgungsformen in der gewohnten häuslichen Umgebung zu ermög-lichen, miteinander zu verbinden Vier  Voraussetzungen waren erforderlich:

  • Eine personelle flächendeckende  medizinisch-pflegerische Betreuung in  der gewohnten  häuslichen  Umgebung. (Ambulante Dienste)
  • Ein interaktives flächendeckendes Kommunikationssystem, um dieses sicherzustellen. (HausnotRuf)
  • Eine dauerhafte Finanzierung einer solchen ambulanten Organisation. (Pflegeversicherung)
  • Schnelle   Überleitung von stationärer zu ambulanter Versorgung, durch  zeitgleiche Übermittlung der  Befund- und Diagnosedaten an die niedergelassenen Ärzte. Einbeziehung der Krankenhäuser  in die Logisitik dieses Vorhabens (Einführung relationaler Datenbanksysteme in den Krankenhäusern mit Unterstützung von IBM) und mit neuen zeitgerechten Führungsgrundsätzen

Die Konzeptionen für diese vier  Voraussetzungen wurden dann im Rahmen des Forschungsprojektes „HausnotRuf“ in der Zeit von 1978 bis 1983 entwickelt und konzipiert. Unter Einbeziehung fortschrittlicher Führungskonzepte und moderner Kommunikationstechnologie wurden für die Allgemeinheit neue flexible ambulante (mobile) Versorgungsstrukturen, unter Beachtung des „ Prinzips der rechten Ordnung der Dinge“ etabliert und daneben in den Krankenhäusern relationale Datenbanksysteme zur besseren Ablaufsteuerung eingeführt. Diese Versorgungsstrukturen sind bis zu   den 1995er Jahren flächendeckend in ganz Deutschland entstanden.


Der internationale Funkverteilungsplan zwingt zu innovativen Lösungen            Die Zahl der Funkfrequenzen ist physikalisch begrenzt und wird konsequent überwacht. Der HausnotRuf wurde in den 1970er Jahren, daher nach geltenden die Bestimmungen dieses international verbindlichen Funkverteilungsplans, in zwei Zeitstufen entwickelt:

1. In einer kleineren Variante 1972/75 ( siehe:   Stern, Telemetrie Hausnotruf)  ;  (siehe: Das Ereichte)  in Wilhelmshaven, zunächst mit beschränkter Sende-Reichweite (damals 3 bis 7 km, weil langwelliger mobiler Landfunk) , und auf telemetrischer Basis entwickelt. Sie konnte nur als nonverbales einwegiges Informationssystem eingesetzt werden. Es hatte daher nur sehr eingeschränkte Einsatzmöglichkeiten, weil keine wechselseitige verbale Kommunikation möglich war.

2. Deshalb wurde die intelligentere und  komplexere Variante, 1978/1983  ( s.o., Das Erreichte)  (ebenfalls in Wilhelmshaven) konzipiert. Jetzt wurden die Kommunikations- und Informationselemente von Funk (Beweglichkeit) und Draht (Reichweite) miteinander verknüpft und zu einem System verbunden und um die verbale Kommunikation ergänzt (durch rückkopplungsfreies Wechselsprechen) und die Übertragung biomedizinischer Daten schon bei ersten Geräten des Prototyps  ermöglicht.

Ein mit jedem einzelnen Betreuten individuell abgesprochener, jedoch jederzeit revidierbarer, Maßnahmenkatalog wurde jetzt noch zusätzlich in einer Betreuungszentrale elektronisch hinterlegt.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (früher BMFT jetzt BMBF) förderte im Rahmen eines Forschungsprojektes die 2. größere komplexere Variante in der Zeit von 1.4.1979 bis 31.12.1982, an einem Krankenhaus .

Der „HausmotRuf“ wurde 1982 mit dem Frankfurter Innovationspreis der Deutschen Wirtschaft ausgezeichnet. Ausgehend von Deutschland hat sich der Hausnot-Ruf auf allen Erdteilen verbreitet und mittlerweile weltweit zu einem festen Bestandteil staatlicher und privater Versorgung von kranken, hilfsbedürftigen und älteren Menschen etabliert.

Weltweit werden täglich ca. 10 Millionen Menschen betreut. Die Logfile-Analyse meiner seit Mitte 2007 bestehenden Webseite (www.akut-kliniken.de) über den Hausnotruf ergab bis Januar 2010 folgende Web-Seiten-Besuchs-Struktur:

• 96 Staaten ( bei der UNO registriert sind 192), das sind 50 % aller Staaten der Welt, • 692 Groß-Städten aus aller Welt mit qualifizierten Nachfragen ( Universitäten,      staatliche Institutionen, Verbände pp), • 42 von 50 US-Staaten (das sind 84 %) haben auch die Web-Seite zugegriffen. • 50 % aller Webbesuche erfolgten aus den USA

Ziele des Hausnot-Ruf´s sind seit den 1970er Jahren:

• Voraussetzungen schaffen, um die medizinische, pflegerische und soziale Betreuung für jedermann in der eigenen gewohnten Umgebung von Wohnung oder eigenem Haus zu vertretbarem finanziellen Aufwand zu ermöglichen. Hinlänglich ist dies unter dem Begriff des „Betreuten Wohnens“ bekannt. Allerdings soll dies in individuell abgestufter Form auch zu Hause geschehen können.

• Teile aus den Elementen stationärer Aufgabenbereiche von Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen sollen wieder in die gewohnte private Sphäre zurückverlagert werden. Für diese zurückverlagerten Elemente werden dezentral neu etablierte mobile (ambulante) Dienstleister tätig. ( dezentralisierte Koordination). Wobei die Koordination wohnortnahe, unter Beibehaltung des sozialen Bezugs zu bestimmten Betreuungs- und Bezugspersonen gestaltet wird. Angehörige und Nachbarn werden dabei entsprechend einbezogen, die Menschen werden nicht isoliert.

• Zur langfristigen organisatorischen und dauerhaften finanziellen Sicherstellung dieser Ziele, wurden bereits im Rahmen des Forschungsvorhabens Hausnotruf in den 1980er Jahren von mir  Überlegungen zu einer Pflegeversicherung, einem solidarischen Kosten-Umlageverfahren, entwickelt. Das damals dafür zuständige Bundesministerium für Arbeit und Soziales griff diese Überlegungen auf und hat erstmalig auf dem 1980 in Wilhelmshaven abgehaltenen Symposium Hausnotruf dazu Denkmodelle zu einer Pflegeversicherung vorgetragen. Die Pflegeversicherung und der Hausnotruf bedingen einander und entstanden daher notwendig zeitlich und parallel.

• Ein höchst einfach bedienbares, mit nicht mehr als zwei Bedienknöpfen, aber technisch ausgefeiltes Kommunikationssystem, nämlich der „HausnotRuf“ (inzwischen Hausnotruf-Dienst und in angelsächsischen Sprachbereich zudem Medical-alarm genannt), hat dabei die Aufgabe, die notwendigen ambulanten personellen und technischen Maßnahmen abzusichern. (Die Intelligenz- und Wissensansammlungen befinden zum einen softwaremäßig im HausnotRuf-Gerät und zum anderen in den Köpfen qualifizierter Betreuer der Hausnotruf-Zentralen).

Mit modernen Kommunikationstechnologien entstand ein für jedermann kostengünstiges Notruf- und Kommunikations-System, das weltweit von überall aktivierbar und leicht bedienbar ist.

 Vernetze kleine Selbsthilfegruppen ohne Anschluss an eine Zentrale

  • Das HausnotRuf-Gerät, das in der Wohnung steht, ist seit 1980 sogar so geschickt technisch konzipiert, dass kleinste soziale Gruppen, aus beispielsweise bis zu 10 Teilnehmern bestehend, sich mit Hilfe eines solchen Gerätes zu einer sozialen Vernetzung zusammenfinden können, ohne sich an eine Zentrale anschließen zu müssen. Auch die Übertragung biomedizischer Daten  ist seitdem mit diesen Geräten  bei chronisch Kranken  möglich.

Dies ist bereits seit 1980 möglich und die ganz normalen Telefone (einerlei ob drahtbedungen oder mobil) sind dabei einsetzbar. Soziale Netze in Stadtteilen oder Ortschaften sind daher ohne großen Aufwand möglich.

Kleingruppen sind flexibler und lösen schneller Probleme als große Gruppengebilde; sie sind  schnell und überall möglich, wo ein draht- oder glasphasergebundener Telefonanschluss vorhanden ist.

  • Die HausnotRuf-Geräte lassen sich auch so programmieren, dass  zunächst Bezugspersonen  oder Angehörige  und danach dann optional    eine  Haus-notRuf-Zentrale  angerufen  wird. Dies ist   hard- und softwaremäßig so  bei allen gehobenen  Geräten seit  1980  so vorgesehen.
  •   Nr.  37     HausnotRuf 1980 –Soziales Netz- Zentrale optional
  •   Nr. 40      HausnotRuf 1980 – Soziales Netz Schaltplan Zentrl optional

Übrigens von jedem Handy, wenn es denn mit einem geladenen Akku und Chip versehen ist, auch wenn es nicht mehr angemeldet oder durch den Provider gesperrt wurde, kann jederzeit kostenlos  der Notruf 110 an die nächstgelegene Rettungszentrale ausgelöst werden. Diese kann dann jedes Handy bis auf wenige Meter genau orten lassen.

Mit dem HausnotRuf sollen Sicherheit vermittelt und neue soziale Interaktionen ermöglicht werden. Grundlage des menschlichen Zusammenlebens ist das Urvertrauen, welches in den früher vorherrschenden und mehrere Generationen umfassenden Großfamilien anzutreffen war. Diese Mitglieder einer Großfamilie leben jetzt aber nicht mehr beisammen sondern verstreut im In- und Ausland.

Der Hausnotruf übt daher als Kommunikationssystem gewissermaßen die oben beschriebene soziale Lotsen- und ferner eine familiäre Brückenfunktion aus. Ein durchaus gewollter Nebeneffekt dieser Lotsenfunktion des Hausnotrufs ist das Ermöglichen sozialer Interaktionen u.a. durch Aktivierung der Nachbarschaftshilfe und das Knüpfen privater interaktiver sozialer Netze; nach dem Prinzip der „dezentralisierten Koordination“ auch über größere Distanzen hinweg.

Um Verantwortungsdiffusion zu vermeiden, sind klare Strukturen und regionale Verantwortlichkeiten in  der Ablauforganisation einer Hausnotrufzentrale zu ge-währleisten. Solche können aber auch in Kleingruppen  festgelegt werden.

Die Hausnot-Ruf-Zentralen sollen über überschaubare optimale Betriebsgrößen verfügen. Zur Einführung des Hausnot-Rufes in 1970/75 wurden deshalb die Selbstkostenblätter rund 320 Krankenhäuser Niedersachsens nach deren optimaler Betriebsgröße untersucht, und gefragt, inwieweit Krankenhäuser in das Konzept einbeziehbar wären.

Diese o.a. Regeln optimaler Betriebsgrößen gelten auch für die Hausnot-Ruf-Einrichtungen. Eine dezentrale Koordination ermöglicht u.a. kleine, hochmobile Einheiten von Helfern vor Ort.

Der Markt (die soziale Marktwirtschaft) regelt leider nicht alles: Im Gegenteil, marktbeherrschende Hersteller von HausnotRuf-Geräten und große Betreiber von Hausnot-Ruf-Zentralen geraten in Gefahr, notwendige Regulierungsmechanismen des Marktes auszubremsen. Dieses ist wahrscheinlich eine der Ursachen der in Deutschland mehrfach bemängelten geringeren Verbreitung des HausnotRufes

Moderne Chip- und Fertigungstechnik ermöglichen inzwischen preisgünstige Herstellungsverfahren. Günstige Preise sollten an den Markt, also an die Nutzer von HausnotRuf-Geräten, weitergegeben werden. Das geschieht leider nur in geringem Maße. Bei sinnvoller moderater Preisgestaltung erhöht sich die Akzeptanz beim Endverbraucher.

Der HausnotRuf und die ambulanten Dienste entlasten das Gesundheitssystem signifikant.

Alle Beteiligten am System profitieren in vielerlei Hinsicht, wenn die ursprünglichen, in den 1970er und zu Beginn der 1980er Jahre formulierten und geplanten Ziele des Hausnot-Rufs und die Schaffung neuer ambulanter pflegerischer Betreuungsformen halbwegs umgesetzt würden. Der Hausnot-Ruf und die durch ihn erst möglich gewordenen ambulanten, mobilen Dienste entlasten das Gesundheitssystem.

(Siehe dazu  Nr. 45 Gesamtrechnungen Statistik Pflege – Krankenhaus- HausnotRuf)

Die pragmatische (Not)- Lösung in England Die 1970/1974 entwickelte und  in Wilhelmshaven erstmalig  vorgestellte kleinere Variante des Hausnot-Ruf-Systems auf telemetrischer Basis, mit ihren qualitativen und quantitativen Einschränkungen (nur nonverbaler Informationsübertragung pp), erhielt in Deutschland damals keine Funkgenehmigung. In England erteilte die dortige Postbehörde dagegen jenem HausnotRuf-System eine Funkgenehmigung. Das HausnotRuf-System wurde dann in England Ende der 1978er, Beginn der 1980er Jahre flächendeckend eingeführt.

An diese kleinere Variante dieser HausnotRuf-Zentrale konnten maximal 1000 Hausnot-Ruf-Geräte angeschlossen werden. Die einwandfreie Funkreichweite ließ einen Radius von 3 bis 7 km um die Zentrale zu. Je maximal 1000 Geräte bildeten daher eine überschaubare Organisationseinheit mit entsprechendem Hilfspersonal und sozialen Kontakten, ein soziales Netz mithin.

Diese technischen Einschränkungen bewirkten aber zugleich etwas Positives. In etlichen Alarmfällen wird zum Klären der Situation eine telefonische oder aber persönliche Rücksprache (durch Aufsuchen der hilfsbedürftigen Person in deren Wohnung) erforderlich. Dadurch kommt es aber notwendig zu einem direkten personalen interaktionellen Kontakt mit Vertrauensaufbau zwischen Betreuer und den betreuten, hilfsbedürftigen Personen (eine unabdingbare Voraussetzung für die Akzeptanz und das Wohlbefinden der betreuten Person , um ein Gefühl großer Sicherheit zu vermitteln ).

In England ist das Zehnfache gegenüber Deutschland  an Hausnot-Ruf-Geräten (das sind ca. 3.500.000 Hausnot-Ruf-Geräte) im Einsatz. In Deutschland wird diese Zahl auf gegenwärtig mehr als 500.000 Nutzer des HausnotRufs geschätzt.

In Deutschland ist der Hausnot-Ruf auch deshalb schlechter beleumundet, weil vorwiegend größere Hausnot-Ruf-Call-Center, mit teilweise mit mehr 50.000 Teilnehmern marktbeherrschend sind, was sehr wahrscheinlich mit vielfach befürchteter Anonymität und fehlender sozialer Nähe und mangelndem personalem Bezug zusammenhängen mag. Das wiederum führt zu geringerer Akzeptanz.

 Falsch verstandene ökonomische und soziale Zwänge sowie Gewinn-maximierung haben hierzulande das „Prinzip der rechten Ordnung der Dinge“ auf den Kopf gestellt; wodurch die ursprünglichen und eigentlichen Ziele optimalen menschlichen Zusammenlebens schwerer erreicht werden.

Call-Center-Organisation Call-Center sind nicht mehr wegdenkbar; aber auch nicht überall angebracht. Sie sind im merkantilen Bereich möglicherweise die Organisationsform der ersten Wahl. Jedermann weiß um die Stärken und vor allem aber Schwächen dieser Organisationsform; der die Verantwortungsdiffusion oft innewohnt. Sie ist Folge unguter stringenter sozialer Verhaltensregeln, die letztlich in Verhaltenszwängen am Arbeitsplatz münden.

Es gibt Grenzen für die Anwendung dieser Organisationsform. ( z.B. Gerichtsbarkeit, Bundeswehr, Kirche, Krankenhäuser, pp). Für den Haunot-Ruf ist diese Organisationsform aus mehreren Gründen hingegen nur partiell geeignet.

Kritik an zu großen Hausnot-Ruf-Zentralen und deren -Call-Center

Verantwortungsdiffusion stellt sich nahezu immer automatisch ein, wenn vertrauenbegründende personale Verantwortlichkeiten fehlen oder nicht dauerhaft gegeben sind. Es muss eine zuverlässige Kontinuität in der Ansprechbarkeit desselben Betreuerkreises (als Bezugs- und Vertrauensperson) in der HausnotRuf-Zentrale gegeben sein. Sind die betreuten älteren Menschen mit ihren HausnotRuf-Geräten hingegen an große überregionale Call-Center angeschlossen, können diese Bedingungen nicht sicher erfüllt werden.

In Deutschland gibt es leider einige Hausnot-Ruf-Zentralen die nach dem Call-Center-Prinzip geführte werden. Eines dieser Call-Centren betreut z.B. mehr als 50.000 HausnotRuf-Teilnehmer.

Für die Hausnot-Ruf-Zentralen können allenfalls partielle Elemente einer Call-Center- Organisationsform übernommen werden, keinesfalls jedoch alle, wie dies leider mehrfach mit negativen Folgen geschehen ist.

Kirchliche Gemeindearbeit und Seniorenbetreuung erfordern durch nichts zu ersetzende direkte Kommunikation, also personalen Bezug. Unterbleibt der, erlahmt die Aktivität sozialer oder kirchlicher Gemeinden, u.a. mit der bekannten Folge des Mitgliederschwundes. Anonyme Call-Center beschleunigen diese negative Entwicklung noch eher.

Abgestimmtes Strukturiertes Hilfeverhalten in einer Hausnot-Ruf-Zentrale – Richtiges Hilfeverhalten/ Krisenmanagement/

Die obige Kritik an der Call-Center-Organisation begründet sich u.a. auf 1968 veröffentlichte Erkenntnisse und Untersuchungen über „Intervention… in Notfällen“ und entsprechender „Information über die Situation… aller Beteiligten…“ (Darley und Latané) und den Feldversuch des Forschungsvorhabens Hausnot-Ruf in Wilhelmshaven und auf persönliche Befragung von Betreuern und betreuten Menschen.

Zu Beginn des Wilhelmshavener Feldversuchs „Forschungsvorhaben Hausnot-Ruf ..“ waren Berichte dieser beiden US-Studien bekannt. Diese sind in gewisser Weise indirekt in Struktur und die technische Konzeption des Hausnot-Ruf eingeflossen. Die Ärzte des Wilhelmshavener Krankenhauses, an welchem der Hausnot-Ruf entwickelt wurde, befragten daher in unregelmäßigen Abständen ihre ambulant betreuten Patienten und deren Betreuer entsprechend.

Erkenntnis und Ergebnis des Feldversuches:

• Sind klare Strukturen, zuverlässige und persönliche Ansprechbarkeit der Bezugspersonen/ Betreuer und Nachbarn dauerhaft gegeben und wird sofort gehandelt, stellen sich bei Nutzern des Hausnot-Rufs, seinen Angehörigen und Nachbarn eine hohe Akzeptanz und ein subjektives Gefühl der Sicherheit ein.

• Auf eine kleine einspaltige, dreizeilige kleine Meldung in einer Regionalzeitung mit klaren Umrissen über den Feldversuch Hausnot-Ruf reagierten 1979 über 300 Personen, davon 100 ( das sind 33 %), die spontan als eventuelle Helfer für Nachbarn oder Angehörige in Notfall tätig werden wollten.

• In Notsituationen muss entschieden und einfach gehandelt werden. Sind keine dauerhaften klaren Strukturen, keine persönliche Verantwortlichkeiten und keine Kompetenzen gegeben, macht sich die Verantwortungsdiffusion breit und das Gegenteil wird erreicht. Die Studien von Beaman sowie Darley und Latané befassen sich mit diesem Thema, dem Verhalten in Notsituationen.

• Um die Abläufe des Helfens sicher zu koordinieren, muss zuvor darüber entsprechend informiert werden. Daher sind vorab die zu Betreuenden, Älteren, Alleinlebenden und Kranken, der Kreis der potentiellen Helfer wie Angehörigen, Nachbarn , Ärzte und evtl. kirchlichen Helfer, über die Abläufe und insbesondere den individuell festgelegten Maßnahmenkatalog, soweit wie nötig und möglich, zu informieren. Ein zeitnaher Änderungsdienst ist dazu erforderlich. So wird der Notfall zum Normalfall und die Hilfsbereitschaft nimmt zu. Im Feldversuch Forschungs-vorhaben in Wilhelmshaven bestätigte sich dies erfreulicherweise immer wieder.

Einzelpersonen handeln und entscheiden, im Gegensatz zum Team, in der Regel sofort. Alles geht schneller.

Die größere, komplexere Variante, des Hausnot-Rufs wurde technisch und organisatorisch so konzipiert, dass all diese Forderungen erfüllt wurden. Die größere, komplexere Variante, mit nur zwei Bedienknöpfen, sichert:

• die automatische Übermittlung von mindestens 10 unterschiedlichen, individuell definierbaren aktiven und passive Alarmarten, • Es können bis zu zehn  Bezugspersonen/ Institutionen gespeichert werden, die nacheinander bei ausgelöstem Alarm angerufen werden. • die automatische Übertragung biomedizinischer Daten, • und die einwandfreie verbale Kommunikation mittels von der Hausnotruf-Zentrale steuerbarem, rückkopplungsfreiem Wechselsprechen und regelbarer Lautstärke des Hausnotruf-Gerät in der Wohnung des Betreuten, • das Führen eines nicht löschbaren Logbuches ( elektronische Aufzeichnung aller Vorgänge), • dauerhaften Aufbau persönlicher Kontakte zu Vertrauenspersonen in der Zentrale.

Wichtige fünf Schrittfolgen es Helfens:

Der potentielle Helfer / Betreuer in der Hausnot-Ruf-Zentrale muss erkennen, dass etwas passiert und was passiert ist. Er kennt die fünf Schrittfolgen und entscheidet einzelverantwortlich, was zu tun ist. Das kann er umfassend, wenn die Zentrale mit der größeren, komplexeren Variante Hausnotruf ( gemäß dem Forschungsvorhaben Wilhelmshaven ) ausgerüstet ist.

Die fünf Schrittfolgen: 1. Voraussetzung ist, dass zwischen Betreuer und Betreutem und dessen Umfeld ein Vertrauensverhältnis (dauerhafter personaler Bezug) und Kenntnis über die persönliche Situation und die Lokation des Betreuten besteht. So kann ein Ereignis richtig interpretiert werden.

2. Der Betreuer in der Zentrale ist bereit, die persönliche Verantwortung zu übernehmen. Dies muss später jederzeit nachvollziehbar sein und bleiben (Elektronisches Logbuch).

3. Der Betreuer in der Zentrale entscheidet, wenn möglich, in Abstimmung mit dem Betreuten, was getan wird. Er übt aufgrund seiner lokalen, geographischen und persönlichen Lagebeurteilung eine aktive Lotsenfunktion während des gesamten Handlungsablaufes aus.

 4. Der Betreuer hält als Lotse während eines ausgelösten Hausnot-Rufs ( Notfall) Kontakt zu Nachbarn und Verwandten, koordiniert mit diesen eventuelle Maßnahmen und kontrolliert dies aber auf jeden Fall abschließend

5. Seine Entscheidung wird in Normalfall umgesetzt, von ihm kontrolliert, überwacht und von ihm schließlich beendet. Dies teilt er abschließend dem Beteiligen eindeutig so mit. – Der Lotse geht gewissermaßen wieder von Bord, er meldet sich ab.

Das Einhalten dieser notwendigen 5 Schritte, neutralisiert die egalisierenden, restriktiven sozialen Verhaltenszwänge von Vorschriften/ Dienstanweisungen einer Call-Center-Organisation. Hilfe- und Ratsuchende fürchten die Anonymität einer solchen Organisationsform; sie vermissen die Lotsenfunktion, Urängste kommen auf.

 Es besteht ja auch die Gefahr, dass Mitarbeiter in einem Call-Center anonym bleiben und sich in gewisser Weise nicht persönlich verantworten wollen. Der Telefoncomputer eines Call-Centers wählt den nächsten freien Mitarbeiter aus und steuert gewissermaßen das Reaktionsmuster und die Arbeitsabläufe, mithin die sozialen, per Dienstanweisung vom Computer gesteuerten Verhaltensweisen und Zuständigkeiten der Mitarbeiter untereinander zwingend. Für persönliche Entscheidungen des Hilfspersonals ist da wenig Platz.

Je weniger aber ein Mitarbeiter in der HausnotRuf-Zentrale vom Betreuten weiß und wissen kann, umso hypothetischer werden sein Handeln und sind seine Entscheidungen. Eine notwendige ständige Anpassung einer HausnotRuf-Zentrale an sich verändernde Situationen beim Betreuten setzt bei den Mitarbeitern detaillierte persönliche und regionale Kenntnisse voraus. Hausnotruf-Zentralen und ambulante Dienste müssen allein schon aus diesem Gründen stärker als bisher dezentral regional und sachlich fachlich kooperieren.

Das Krankenhaus, an dem der Hausnotruf und die ambulanten Dienste eingeführt wurden, bediente sich in den 1980er Jahren dieser Methoden und Entscheidungsstrukturen und hat sie auch in den ambulanten Betreuungsbereich erfolgreich übertragen. Das Prinzip der Rechten Ordnung der Dinge“ spielte dabei eine zentrale Rolle.

  •  Gute Ideen, wie der HausnotRuf oder Medical-alarm, entwickeln und verbreiten sich von selbst. Sie müssen sinnvoll, ökonomisch vorteilhaft und ferner technisch einfach bedienbar sein, darüber hinaus vielen Menschen dienen. Er, der HausnotRuf, soll nur subsidiär benutzbar sein und eingesetzt werden. Seine Aufgabe ist es, Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln, eine Lotsenfunktion anzubieten und soziale Interaktionen auszulösen. Er erfüllt seine Aufgabe mehr, wenn Stille und Sicherheit herrschen und kein hektischer Aktionismus und sich darüber hinaus ein dauerhaftes soziales interaktives Beziehungsgeflecht zwischen Betreutem sowie der HausnotRuf-Zentrale und anderen Betreuten entwickelt hat.
  • Diese sozialen und sozialpsychologischen Aspekte kommen bei Herstellern und Betreibern von Hausnot-Ruf-Einrichtungen einfach zu kurz. Bisher entstanden so gut wie keine vernetzte kleine Selbsthilfegruppen von HausnotRuf-Nutzern (meistens ältere Menschen) außerhalb einer HausnotRuf- Zentrale.
  • Sie, darunter auch jene, den Kirchen nahestehende Betreiber, sprechen und schreiben gar von ihren Kunden, wenn sie die Älteren, Alleinlebenden und Kranken meinen. Wer eine gewisse Wortwahl trifft, zeigt damit, wie er denkt. Dann sind Worte wie Profit und Rentabilität nicht mehr weit. Sie haben ja auch ein großes Vorbild. Eine große deutsche Krankenkasse, schreibt und wirbt aus ihrem Selbstbild von sich als „Unternehmen Gesundheit“ und ihren „Kunden“.

Kommt da nicht ein beklemmender Gedanke auf, wonach ab einem noch zu definierendem Zeitpunkt die unrentablen „Fälle“ aus den Kundenstamm der „Volksgemeinschaft“, wirtschaftlich betrachtet, eliminiert werde? Das gab es in Deutschland schon einmal. Haben wir nichts dazugelernt?

  •  Sozial-marktwirtschaftlich ausgedrückt, kann daher auch gesagt werden, dass gegenwärtig in Deutschland beim HausnotRuf das Preis-Leistungsverhältnis nicht stimmt. Der Betreute muss vielfach einen hohen Grundbetrag für ein Hausnotruf-Gerät und einzelne kleine Dienstleistungen entrichten, wodurch dann für eigentliche personelle soziale pflegerische Betreuungsformen kaum oder keine finanziellen Ressourcen mehr bleiben. Dieser Personenkreis, der meistens bereits aus dem Berufs- und Erwerbsleben ausgeschieden ist, kann eben kein zusätzliches Einkommen mehr generieren. Ist es dann nicht ein ungünstiger Service, der da geboten wird, sozial-marktwirtschaftlich betrachtet?

Auf der Veranstaltung „25 Jahre Hausnot-Ruf“ im Jahre 2005 in Nürnberg, stellte ich fest , dass einigen Herstellern und Betreibern von Hausnot-Ruf-Einrichtungen diese eigentlichen Zielsetzungen des Hausnot-Ruf wenig bekannt waren. Dieser Beitrag soll an diese Ziele noch einmal erinnern.

Die eigentliche sozial- und gesellschaftspolitische Bedeutung des Hausnot-Ruf´s, den ambulanten Diensten und der Pflegeversicherung  ist bisher in Deutschland nicht in vollem Umfange erkannt worden. Der HausnotRuf wurde zeitgleich mit den ambulanten Pflegediensten an einem Krankenhaus konzipiert und großflächig eingeführt. Und zu deren beider dauerhafter wirtschaftlicher Sicherung wurde von den Initiatoren des HausnotRufes in den 1980er Jahren die Pflegeversicherung konzipiert, die dann 1995 Bundesgesetz wurde.

Der HausnotRuf  ist ein Bindeglied  zwischen stationärer  und  ambulanter  Patienten – und Seniorenbetreuung.  Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte , ambulante Dienste  können  ohne den HaunotRuf  ihre  Aufgabe kaum noch unbeeinträchtigt  wahrnehmen.   Täglich nutzten  nahezu 1 Million Menschen  ion Deutschland dieses Kommunikationsmittel.

Erst durch das Vorhandensein vom HausnotRuf und der Pflegeversicherung kam es in Deutschland  zu einem bundesweiten, flächendeckenden Netz ambulanter Dienste.

  • Allein in Deutschland entstanden seit der Einführung des HausnotRuf `s ab 1980 und der durch das Forschungsprojekt Hausnot-Ruf initiierten Pflegeversicherung bis gegenwärtig ca. 350.000 Arbeitsplätze im ambulanten pflegerisch, gerontologischen Bereich und
  • in den Hausnot-Ruf-Zentralen noch einmal rd. 15.000 Arbeitsplätze.
  • Die volkswirtschaftliche Ersparnis in Deutschland wird   (kumuliert)  von 1995 bis 2012  auf 10,3 Milliarden Euro (Siehe Literaturanhang  Nr. 45 , Webseite: www.akut-kliniken.de.
  • (siehe Literaturhinweise:Nr. 52 The Graying Of Germany- …Historie von HausnotRuf  u. Pflegeversicherung
  • Nr. 45 Gesamtrechnungen, Statistik, Pflege, HaunsnotRuf, Krankenhaus )
  • Deutsche Nationalbibliethek  idn-880 55 15 77

W. H.  Februar 2010/2014 Friedrichsgracht 57 / 619 , 10178 Berlin

Schreibe einen Kommentar